RESEARCH ARTS
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ÜBERSETZEN - zwischen den vielfältigen Sprachen der Wissenschaft, der Wahrnehmung von Realität, Wertevorstellungen und Gedächtnisformen. Wie können wir uns verständigen? Welche Herangehensweisen und Handlungsfelder des Übersetzens, Vergleichens, Kommunizierens und Archivierens von Wissens gibt es? Welche können uns als Brücken der Verständigung dienen?
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INS GESPRÄCH KOMMEN- jeden vierten Monat wird im Bereich ÜBERSETZEN ein neues Thema oder Projekt vorgestellt. Vorherige Artikel finden Sie im ARCHIV. >> Sie wollen das THEMA | PROJEKT DES MONATS kommentieren oder hinterfragen? Dann gehen Sie hier zum Blog der RESEARCH ARTS Dialoge. >>

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DAS THEMA DES MONATS (Jan/ Apr 2014): »Die Unter|scheidung Zeit und Raum« (German)

»Unter|scheidung Zeit: hier bin ich - dort war ich?« Jutta Franzen


»Wiederholen heißt sich verhalten, allerdings im Verhältnis zu etwas Einzigartigem oder Singulärem, das mit nichts anderem ähnlich oder äquivalent ist. [...]

Das Geschäft des Lebens besteht darin, alle Wiederholungen in einem Raum koexistieren zu lassen, in dem sich die Differenz verteilt.«

Gilles Deleuze [1]

 

 

DAS THEMA DES MONATS (Jan/Apr 2014): »Die Unter|scheidung Zeit und Raum«.

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»Unter|scheidung Raum: von 3D Körpererfahrungen zu Nano-Topologien« Stella Veciana.

»Es gibt ein Spiel, das Kinder spielen, wenn die Flut kommt. Sie bauen um sich herum eine vermeintlich undurchdringliche Sandmauer, um das Wasser so lange wie möglich draußen zu halten. Natürlich sickert das Wasser von unten durch und irgendwann durchbricht es die Mauer und überflutet alle. Erwachsene spielen ein ähnliches Spiel. Sie umgeben sich mit einer vermeintlich undurchdringlichen Mauer aus Argumenten, um die Wirklichkeit draußen zu halten. Doch die Wirklichkeit sickert von unten durch, durchbricht irgendwann die Mauer und überflutet uns alle.«
George Spencer-Brown [2]

»Unter|scheidung Zeit: hier bin ich - dort war ich?«
Jutta Franzen


Erste Phase der Wiederholung: sich im Fremden wiedererkennen

Ein fremder Ort. Das Gefühl von Fremdheit, aber gut. Neu-Gier auf das, was ich noch nicht kenne. Bevor ich zur Erkundung aufbreche, der Blick in den Spiegel.

Und ein (erstes) Foto: Ich im Spiegel, bisweilen von der Kamera verdeckt, immer zu sehen ist, wie ein Rahmen, die Umgebung. Der Beweis, ich bin hier.

Wiedergeholt im Blick auf das Foto, später, irgendwann, die Erinnerung: dort war ich.

Im Augenblick vergegenwärtigt, doch so flüchtig wie zuvor das Spiegelbild, vorbei, vergangen.

Ein weiterer fremder Ort, eine andere Zeit, Wiederholung desselben Ablaufs: Erregung durch das Fremde, Blick in den Spiegel, Fotografieren. Ein Schwanken zwischen dem Verdruss von Routine – du musst noch das Foto machen – und der Wahrnehmung, dasselbe ist dieses Mal anders.

 

 

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»Unter|scheidung Raum: von 3D Körpererfahrungen zu Nano-Topologien« Stella Veciana

Tenkan
Aikido-Topologien: Tenkan Spuren am Strand. Fotos: Stella Veciana.

Um eine Beobachtung unserer Umwelt zu machen, müssen wir unterscheiden was zu einer Beschreibung oder Bezeichnung gehört und was nicht, »Draw a distinction!«, so George Spencer-Brown. Diese zwei Seiten einer Unterscheidung ergeben die Einheit einer Form: »Was ein Ding ist, und was es nicht ist, sind in der Form, identisch gleich. Das heißt, die identische Form oder Definition oder Unterscheidung agiert als die Grenze oder Beschreibung sowohl des Dinges als auch dessen, was es nicht ist« schreibt der Mathematiker und Musiker in »Laws of Form«.

Wie lässt sich eine Beschreibungsform für die Grenze, die Differenz oder die Unterscheidung verschiedener Raumebenen finden? Die Bilderserie Nano-Topologien | Tenkan arbeitet mit der Unterscheidung im Raum. Ausgangspunkt ist die Erforschung von Körperbewegung und Körpersprache im dreidimensionalen Raum. Wie kann eine Bewegung aus der Drei-dimensionalität menschlicher Erfahrung in einen nanoskaligen Raum übertragen werden?

Fotoserie

Fotoserie: Jutta Franzen.

Zweite Phase der Wiederholung: in Serie gehen


Setting: Fremder Raum, Spiegel, Ich, Kamera.

Das Raster des Wieder-Holens tritt hervor, jenes Spiel der Differenzen, das mit den Unterschieden zugleich die Überschneidungen erkennen lässt.

Meine Zeitlinie der individuellen Erinnerung verschwindet hinter der Gleichzeitigkeit einer seriellen Erscheinung.

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Tenkan_bild

Aikido-Topologien, Foto: Stella Veciana.

Tenkan ist eine Bewegungstechnik der japanischen Kampfkunst des Aikido, die ich über Jahre am Strand praktiziert habe. Der Bewegung folgen Strandspuren. Je präziser die Ausübung der Bewegung ist, um so deutlicher wird ihre Markierung im Sand erkennbar. Diese Spuren der Bewegung bestimmen eine visuelle Unterscheidung. Durch die Übertragung der Sandspuren in eine schwarz-weiß Fotografie bekommt die anfängliche Unbestimmtheit eine Form, die sich in einer zweidimensionalen Raumebene verdeutlicht.

Die Form trennt eindeutig den Bildraum zu einem markierten und einem unmarkierten Raum. Die Form wird zum Vorstellungsraum, zu dem was den Inhalten eine Struktur gibt, und die Struktur wiederum wird zum Möglichkeitsraum, zu dem was in der Form enthalten sein kann. Diese Definition von Form verbindet, die Unterscheidung mit dem markierten und dem unmarkierten Raum. Daraus ergibt sich die Hypothese, dass »Laws of Form« ein spannendes mentales Werkzeug für die Integration von verschiedenen Raumperspektiven sein kann.


Franzen Foto Sharing
Foto teilen: Jutta Franzen.

 

Dritte Phase der Wiederholung: Ver-teilen

Ich teile meine Fotos. Der gemeinsame Abend mit Freunden und Reiseerzählungen wird ergänzt oder ersetzt durch das sharing der Fotos im sozialen Netzwerk.

Einem viralen Verlauf der Verbreitung überlassen, erreichen meine Fotos längst nicht mehr nur Freunde und Bekannte. Die Schwelle des Privaten wird zum Öffentlichen überschritten.

Und die Fotos können über das Betrachten hinaus re-editiert, in andere Kontexte eingebunden werden. Wiederholung wird zur Aneignung, zum copy and paste.

Es eröffnet sich die Differenz vom Bekannten zum Möglichen, von der Zeitlinie persönlicher Erfahrung zum zeitlosen Möglichkeitsraum.

Die Fremdheit, die am Anfang jeder Wiederholung stand und im Foto mein Selbstbild im Spiegel als Rahmen umgab, setzt sich fort: als „selfie“ verliert sich mein Foto, meine Erinnerung in der Fremdheit des Netzes.

Franzen SharingFotos teilen: Jutta Franzen.

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Tenkan Nano»Nano-Topologien |Tenkan« wurden gemeinsam mit der Nanobioingenieurin Dr. Elena Martínez im Reinraum einer Nanotechnologie-Labors erstellt. Die Serie entstand im Rahmen des künstlerisch-wissenschaftlichen Projekten "Nanometrische Visualisierungen", eine Kooperation zwischen der Fakultät der Bildenden Künste Barcelona, dem Nanotechnologie Forschungslabor der CREBEC und der Nanotechnologie-Plattform des Parc Científic de Barcelona.

Die zweidimensionale fotografische Vorlage wurde mit einem Rasterkraftmikroskop (atomic force microscope AFM) auf einen Materialträger aus Gold eingraviert und in eine Rastermikroskopie übertragen. Mit einer interaktiven Software konnte nun die Rastermikroskopie nach unterschiedlichen Kategorien variabel eingestellt werden, die denen kartograpischer Visualisierungssoftware nahe kommen.

Daraus entstand eine Bilderserie atomarer Topologien, die die Variabilität der Unterscheidung und der Form visualisiert. Die Einstellungen verändern die Form: die Vertiefung der Strandspur, wird zu ihrer inversen Form umgestülpt und verwandelt sich zu einer Bergkettenlandschaft.

Tenkan mountain

Spencer-Browns Definition von Form kann nicht nur ein Werkzeug für die Integration von verschiedenen Raumperspektiven sein, sondern auch von unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen. Es kann in jeder Disziplin angewendet werden, denn es ist das einigende Prinzip hinter den verschiedenen Disziplinen. Sie überwindet die Abgrenzung disziplinärer Unterscheidungen, indem sie die Unterscheidung selbst als Form nutzt. Denn die Form integriert die Unterscheidung, und was es beinhaltet bzw. nicht beinhaltet. Sie ermöglicht die unendliche Setzung und Rekombination von Unterscheidungen ohne den Anspruch auf eine universelle Perspektive zu erheben.

Meta: »Die Unter|scheidung Zeit und Raum«.

Der gemeinsamer Ausgangspunkt dieses Textes entstand aus dem Zufall, dass wir beide in unseren jeweiligen Dissertationen die Schnitt|stelle im Titel und als wesentliches Strukturelement genutzt haben. Dabei ging Jutta von dem Körper als Schnitt|stelle zwischen Natur und Kultur aus, während Stella die Schnitt|stelle zwischen den Wissensfeldern Kunst, Wissenschaft und Technologie thematisierte. Intensive Gespräche ließen Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen. Es wuchs die Idee sich einer gemeinsamen Schnitt|stelle zu nähern und diese zu vertiefen. Aufbauend auf unsere theoretischen Arbeiten, entschieden wir uns für eine visuell-künstlerische Herangehensweise an die Schnitt|stelle.

Beide gingen wir von sehr persönlichen Alltagsritualen und Handlungsweisen aus, die wir auf unterschiedliche Weise bildnerisch dokumentiert und weiterverarbeitet haben. Die Umsetzung führte Jutta dazu ihre Bilder den Aneignungs- und Umwandlungsprozessen der sozialen Medien zu überlassen, während Stella ihre Bilder in den epistemischen Kontext der Nanotechnologie für die Entwicklung weiterer interdisziplinärer Wissensprozesse einband.

1. Gilles Deleuze, Differenz und Wiederholung, 1997, 2.Aufl. München, Fink, p. 15;12

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2. "Only Two Can Play This Game". Cat Books, 17 Halifax Rd, Cambridge, UK. Published by George Spencer-Brown under the name of James Keys.

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Jutta Franzen

 

Dr. Jutta Franzen - Studium der Soziologie, 2006 Promotion an der FU Berlin zum Thema "SCHNITT/STELLE - Der Körper im Zeitalter seiner Herstellbarkeit". Jutta Franzen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim KMGNE in Berlin, ein interdisziplinäres Forschungs- und Bildungsinstitut für Gestaltung nachhaltiger Entwicklung, wo Wissenschaftskommunikation, Transmedia Storytelling und die Konzeption von offenen webbasierten Lernangeboten zu ihren Aufgaben zählen. Lehrbeauftragte für Mediensoziologie an der DIPLOMA, University of Applied Sciences in Berlin. In ihrem Blog "Alltagslabor" schreibt Jutta Franzen zu Themen aus Kultur, Kunst und Wissenschaft. mehr

stella veciana

Dr. Stella Veciana - Studium der Experimentellen Kunst an der UdK Berlin, Computer Arts an der School of Visual Arts in New York und Kulturpolitik&Management in Barcelona. Gastprofessur an der Fakultät der Bildenden Künste in Barcelona und Autorin von Online-Mastermodulen beim Postgraduierten Institut von Madrid. 2004 Promotion mit dem Titel Research Arts: die Schnittstelle Kunst, Wissenschaft und Technologie als Wissens- und Handlungsfeld an der Universität Barcelona. mehr


DAS ARCHIV PROJEKTE und THEMEN des Bereiches ÜBERSETZEN 2014

»Unter|scheidung Zeit: hier bin ich - dort war ich?«
Jutta Franzen

»Wiederholen heißt sich verhalten, allerdings im Verhältnis zu etwas Einzigartigem oder Singulärem, das mit nichts anderem ähnlich oder äquivalent ist. [...]

Das Geschäft des Lebens besteht darin, alle Wiederholungen in einem Raum koexistieren zu lassen, in dem sich die Differenz verteilt.«

Gilles Deleuze

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DAS THEMA DES MONATS (Jan/Apr 2014): »Die Unter|scheidung Zeit und Raum«.

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»Unter|scheidung Raum: von 3D Körpererfahrungen zu Nano-Topologien«
Stella Veciana
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»Es gibt ein Spiel, das Kinder spielen, wenn die Flut kommt. Sie bauen um sich herum eine vermeintlich undurchdringliche Sandmauer, um das Wasser so lange wie möglich draußen zu halten. Natürlich sickert das Wasser von unten durch und irgendwann durchbricht es die Mauer und überflutet alle. Erwachsene spielen ein ähnliches Spiel. Sie umgeben sich mit einer vermeintlich undurchdringlichen Mauer aus Argumenten, um die Wirklichkeit draußen zu halten. Doch die Wirklichkeit sickert von unten durch, durchbricht irgendwann die Mauer und überflutet uns alle.«

George Spencer-Brown

 

PROJEKTE und THEMEN des Bereiches ÜBERSETZEN 2013

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DAS THEMA DES MONATS (Jan/Apr 2013): »Forschung(sobjekte) generieren und ausstellen: Vom Kuriositätenkabinett zu den Forschungsmuseen«. Stella Veciana.

Auf der documenta 13 stellt Mark Dion mit einem sechseckigen Eichenholzkabinett für die Xylothek Schildbach, Forschungsobjekte neu in Szene. Damit hinterfragt er bisherige Ordnungs-, Sammlungs- und Klassifikations-systeme. Über Präsentationsarchitektur, Gedächtnisformen, Modelle des Archivierens und ein neuer wissenschaftspolitischer Orientierungsrahmen der Naturkundemuseen zum »Forschungsmuseen«, der kürzlich in Berlin vorgestellt wurde. mehr

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DAS THEMA DES MONATS (Mai/Aug 2013): »Archive neu WertSchätzen«: die Feldforschung in Sammlungen als Keimstätte der Zukunft. Stella Veciana im Austausch mit Richard Schütz.

Was verbindet ein Weltkulturen- mit einem Naturkundemuseum? Zum Beispiel der methodische Umgang mit den Forschungsobjekten ihrer Sammlungen. Es geht um naturwissenschaftliche Forschungsobjekte wie Tierpräparate, die aus der Ordnung des historischen Archivs herausgetrennt werden und um ethnologische Artefakte wie Waffen, die von der Patina ihrer kolonialen Vergangenheit befreit werden.

Der Trend Archive neu wertzuschätzen, wird anhand von zwei Beispielen verdeutlicht: Zum einen, verändert die Recherche des Bildenden Künstlers Richard Schütz die Bedeutung von Schauobjekten im bildlichen Erzählen ihrer Geschichte und ihrer Zukunft als angedeutete Vorstellung. Zum anderen, stellt die Ausstellung »Objekt Atlas« im Weltkulturen Museum, Frankfurt, innovative Forschungsmethoden vor, die eine neue Rollenverteilung zwischen KünstlerInnen und MuseumsmitarbeiterInnen ermöglichen. Beide Herangehensweisen zeigen, wie Sammlungen ihr zukunftsweisendes Potential für die Fragestellungen des 21 Jhdts. weiterentwickeln können. mehr

DAS THEMA DES MONATS (Sep/Dez 2013): »Wie sammeln Künstler/innen? Cumuli – Ausstellung / Archiv / Lager«.
Stella Veciana im Austausch mit Herbert Distel, Christin Lahr, Katharina Karrenberg und Moira Zoitl.
Inwiefern unterscheidet sich die Sammlung eines Künstlers von dem eines Kunstliebhabers oder eines Museumsleiters? Die Künstlergruppe Camelot präsentiert mit der Ausstellung Cumuli die unterschiedlichsten Herangehensweisen von Künstlern an ihre Sammlungen: vom Künstler, der persönliche Erinnerungsstücke oder Unbeachtetes zusammenträgt, der die Werke anderer Künstler erwirbt, der Objekte in neue Wertesysteme übertragt oder der Gesten und Handlungsabläufe sammelt. mehr

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